Crowdsourced-Archiv, das die zum Schweigen gebrachten Stimmen in Deutschland dokumentiert.
Nr. Datum der Silencing Institution Verstummte Person / Organisation
10.06.2025 Tanzbüro Berlin 25-06-10_An anonymous writer
Summary:

Ich habe für InsideBerlin, das von Tanzbüro Berlin betrieben wird, ein Interview mit Ghazal Ramzani über ihre Arbeit geführt. Das Interview wurde letztendlich nicht veröffentlicht, da das Tanzbüro das Wort „Genozid“ in meinem Text zensiert hat.

Mir war bewusst, dass dies bereits zuvor bei einem Text eines:r Kollegen:in auf Tanzschreiber.de passiert ist, einer ebenfalls vom Tanzbüro Berlin betriebenen Plattform. Da es sich bei dem Wort ‚Genozid‘ in dem Interview um ein direktes Zitat der Künstlerin mit Bezug zu ihrer Arbeit handelt, wollte ich es trotzdem versuchen. Der Text wurde zunächst angenommen (Januar 2025), nach fünf Monaten, am 10. Juni 2025, erhielt ich jedoch eine E-Mail von einer der Leiterinnen, in der es hieß: „Es gibt eine Stelle in Ihrem Text, die wir nicht veröffentlichen können. Es geht um den Begriff ‚Genozid‘, den wir Sie bitten würden, durch einen anderen Begriff wie ‚Kriegsverbrechen/Verbrechen gegen die Menschlichkeit' zu ersetzen.“ Nachdem ich mich diesbezüglich mit Ghazal beraten hatte, antwortete ich, dass die Künstlerin mit dieser Änderung nicht einverstanden sei und nur folgende Abwandlung akzeptieren werde: „(...)dieses Wort wurde auf Wunsch der Redaktion von Tanzbüro gestrichen.“ Daraufhin antwortete die Leiterin, dass der „Vorschlag für uns nicht akzeptabel“ sei, und drängte weiter auf „eine alternative Formulierung“.

Es folgte ein langwieriger E-Mail-Austausch. In einer der E-Mails wies ich darauf hin, dass „es weder nach EU-Recht noch nach deutschem Recht festgelegte Regeln für verbotene Wörter im Journalismus oder generell“ gebe. Darauf antworteten die Leiterinnen, dass ich zwar „absolut Recht“ habe, sie aber versuchten, „einen differenzierten redaktionellen Prozess zu gestalten“. Letztendlich blieb der Text unveröffentlicht.

Später erfuhr ich von einem:r der Mitarbeiter:innen, dass die Geschäftsführerinnen behauptet hätten, das Tanzbüro solle „immer unter dem Radar bleiben“, und dass diese Entscheidung ausschließlich von den beiden Geschäftsführerinnen getroffen worden sei, obwohl die anderen Mitarbeiter*innen (die inzwischen alle entlassen wurden) andere Optionen diskutieren wollten.

Vor kurzem habe ich einen weiteren Text auf Tanzschreiber.de verfasst, in dem das Wort „Genozid“ vorkam (Juni 2026). Zu meiner Überraschung wurde er veröffentlicht. Später erfuhr ich, dass die Mitarbeiter:innen den Text veröffentlicht hatten, ohne ihn zuvor den Leiterinnen vorzulegen, da er andernfalls höchstwahrscheinlich erneut zensiert worden wäre.

Place of Silencing: Berlin
Type of Institution: Arts & Culture
Institution: Tanzbüro Berlin
Identity of Silenced Person: BIPoC